Brazil

Kult-Filme von A bis Z - Science Fiction

Brazil ist ein dystopischer Spielfilm aus dem Jahr 1985 von Terry Gilliam, welcher Regie führte und gemeinsam mit Tom Stoppard und Charles McKeown das Drehbuch schrieb.

Handlung

Sam Lowry ist ein kleiner Angestellter im Archiv des allmächtigen „Ministeriums für Informationswiederbeschaffung“ (M.O.I.) in einer düsteren, bürokratisierten und technisierten Welt. In seinen Träumen trifft er als geflügelter Held in schimmernder Rüstung eine blonde Schönheit in wallendem Weiß. Im wirklichen Leben möchte er gerne unauffällig leben. Seine einflussreiche Mutter, die mit ihrer Freundin um den besseren Schönheitschirurgen konkurriert, arrangiert eine Beförderung, die Lowry aber ablehnt.

Durch einen Druckfehler kommt es zu einer folgenschweren Verwechslung, indem anstatt eines als „Terrorist“ gesuchten freischaffenden Heizungsingenieurs namens Tuttle, der sich dem alles beherrschenden Bürokratieapparat dieser Gesellschaft entzieht, ein unbescholtener Familienvater namens Buttle verhaftet wird. Sam wird die bürokratische Nachbearbeitung dieses Irrtums aufgetragen. Den Scheck mit der Erstattung von Kosten der Verhaftung überbringt er persönlich der Witwe. Dabei begegnet er der Frau aus seinen Träumen, der Lastwagenfahrerin Jill, einer Nachbarin Buttles.

Um sie wiederzufinden, akzeptiert er die Beförderung und nutzt zugleich den Kontakt zu seinem ehrgeizigen Freund Jack, der in hoher Stellung einer geheimen Tätigkeit nachgeht. Dieser berichtet Sam von der geplanten Verhaftung Jills. Während Sams Wohnung aufgrund eines Heizungsschadens trotz der Hilfe von Tuttle unbewohnbar wird, entwickeln sich Sams Träume zu Albträumen, in denen er gegen übermächtige Gegner ankämpfen muss, während Jill ihm zu entgleiten droht. Er versucht Jill vor einer Verfolgung zu retten, indem er in die Computerdatei ihren Tod einträgt. Jedoch werden beide in der Wohnung von Sams Mutter überrumpelt, wobei Sam verhaftet und Jill offenbar getötet wird. Während seines Verhörs durch Jack erlebt Sam, wie er durch Tuttle und eine Gruppe von „Terroristen“ gerettet wird und auf einer wilden Flucht mit Jill schließlich in einer idyllischen Landschaft Zuflucht findet. All dies stellt sich jedoch als ein Traum von Sam heraus, der bei dem Verhör den Verstand verloren hat und auf diese Weise seinen Folterern entwischt ist.

Anmerkungen & Hindergründe

„Brazil war ein Film, der schon seit Jahren in meinem Kopf saß, ich meine seit ungefähr 10 Jahren dachte ich über Dinge wie diese nach. Auf einer einfachen Ebene war dieser Film reinigend für mich. Er handelt wohl vor allen Dingen über meine eigenen Frustrationen und meine anscheinende Unfähigkeit, zu erreichen, was ich erreichen möchte und meine Unfähigkeit, ein System wirkungsvoll zu treffen, welches gänzlich falsch ist. Die Ängste von Brazil betreffen eigentlich nicht die Gefahr, die Welt könnte uns wegen des Systems aus den Fingern gleiten, denn wir sind ja das System. Worum es in Brazil wirklich geht, ist, dass das System nicht aus großartigen Führern besteht, oder aus großartigen Maschinisten, die es kontrollieren. Es besteht aus einzelnen Menschen, die einfach ihren Job tun, als kleines Zahnrad und Sam beschließt ein kleines Zahnrad zu bleiben und letztendlich zahlt er den Preis dafür. […] Auf der anderen Seite merkte ich, dass es ein Wunschbild gibt, das sagt, wenn wir alle unseren kleinen Beitrag leisten, würde die Welt eines Tages besser werden. Dann gibt es auch die Pessimisten die meinen: ‚Genug von diesem Geschwätz, es macht sowieso keinen Unterschied, am Ende stürzen wir wie die Lemminge die Klippe runter‘. Daraus ergab sich die Frage:‚Wie entkommst du denn dieser Welt?‘ und Sam entkommt ihr, indem er wahnsinnig wird. Ich begann diesen Film mit der Frage im Hinterkopf, ob man einen Film machen könne, bei welchem das Happy End ist, dass jemand verrückt wird? …“
– Terry Gilliam: Ausschnitte aus einem Interview während der South Bank Show am 29. Juni 1991.

Als Sam Lowry nach seiner Beförderung ins Nachbarbüro tritt und seinen Kollegen nach seinem Namen fragt, antwortet dieser mit "Harry Lime". Dies ist auch der Name des von Orson Welles dargestellten Protagonisten in "Der Dritte Mann", dessen berühmte Titelmusik auf der Zither "Harry Lime Theme" heißt.

Hintergründe

Brazil ist eine düstere, kafkaeske Dystopie, die sich der Stilmittel der grotesken Komödie bedient. Dem damaligen Chef von Universal Studios, Sid Sheinberg, war das hoffnungslose Ende des Films zu düster und er wollte eine Version mit einem Happy End herausbringen. Der Streit zwischen Gilliam und Sheinberg eskalierte und gipfelte in einer ganzseitigen Anzeige im Branchenblatt Variety, in der Gilliam Sheinberg mit den folgenden Worten zur Freigabe des Films aufforderte:

„Sehr geehrter Sid Sheinberg,
Wann wollen sie denn eigentlich meinen Film BRAZIL veröffentlichen?
Terry Gilliam.“


Als Resultat der Streitigkeiten existiert Brazil in 3 verschieden langen Fassungen: der „normalen“ Fassung mit 134 Minuten, einem 142 Minuten langen Director's Cut (NTSC-Laufzeit) und einer nur im amerikanischen Fernsehen gezeigten Fassung (der sogenannten „Love Conquers All“-Version, auch Sheinberg Edit genannt), die nach der „Bearbeitung“ nur noch 94 Minuten zählt. Herausgeschnitten wurden zahlreiche Szenen, die dem Verleih zu negativ erschienen, sowie der Schluss, der das „Happy End“ als Traum-Flucht des gefolterten Sam Lowry enthüllt.

Ursprünglich war als Titel „1984 and ½“ vorgesehen − eine Anspielung sowohl auf George Orwells berühmten Roman als auch auf Federico Fellinis Film 8½ − ein Einspruch der Erben Orwells verhinderte dies jedoch.

Der endgültige Titel ist eine Anspielung auf die Samba „Brazil“ (original Aquarela do Brasil) von Ary Barroso (1939), die in einer Version von Geoff Muldaur die Titelmelodie des Films bildet.

In der Featurette What is brazil? kommentiert Gilliam den Filmtitel:
„Ursprünglich begann der Film in Port Talbot, Wales. In Port Talbot wird Stahl erzeugt. Der Strand ist vom Kohlenstaub total schwarz. Schiffe laufen auf den Inseln ein und riesige Förderbänder transportieren die Kohle, alles ist voll Staub, der Strand ist rabenschwarz. Da saß ich bei Sonnenuntergang. Ich sah nur das Bild eines Typen vor mir, der dort den Sonnenuntergang ansah, während sein Radio seltsame Musik empfing, wie Brazil, lateinamerikanische, romantische Musik. So fing alles an. Und darum geht es in dem Film nach wie vor. Es geht um jemanden, der all dem entfliehen will, der glaubt, es gebe eine Fluchtmöglichkeit.“

Beachtet man dazu die vorletzten Worte des Films „Er ist (uns) entwischt.“, lässt sich der Schluss auch als Happy-End deuten.

Kritiken

„Die Geschichte wird in einer Mischung aus surrealistischen Traumvisionen, rasanten Action-Turbulenzen und bitterböser Satire erzählt: Kino als Geisterbahnfahrt. Perfekt inszeniert, aber allzu sehr auf Überwältigung der Sinne setzend. “
– Lexikon des Internationalen Films

„Ein hochgradig einflussreicher, nicht zuletzt visuell herausragender Beitrag zum Science-Fiction-Genre, der sich dank seiner Überfülle an Ideen und seinem durchwegs großartigen Ensemble längst zum Klassiker gemausert hat. “
– Filmzentrale

Auszeichnungen

  • Der Film war bei der Oscarverleihung 1986 in den Kategorien Bestes Originaldrehbuch und Beste Art Direction nominiert.
  • Bei den Los Angeles Film Critics Association Awards gewann der Film 1985 in den Kategorien Bester Film, Bestes Drehbuch und Beste Regie.

 

Filmdaten

  • Deutscher Titel: 2001: Brazil
  • Originaltitel: 2001: Brazil
  • Produktionsland: Großbritannien
  • Erscheinungsjahr: 1985
  • Länge: 136 Minuten
  • Originalsprache: Englisch
  • Altersfreigabe: FSK 12
  • Regie: Terry Gilliam
  • Drehbuch: Terry Gilliam, Tom Stoppard und Charles McKeown
  • Produktion: Terry Gilliam, Tom Stoppard und Charles McKeown
  • Musik: Michael Kamen
  • Kamera: Roger Pratt
  • Schnitt: Julián Doyle
  • Besetzung:
    • Jonathan Pryce: Sam Lowry
    • Robert De Niro: Archibald „Harry“ Tuttle
    • Kim Greist: Jill Layton
    • Katherine Helmond: Mrs. Ida Lowry
    • Ian Holm: Mr. M. Kurtzmann
    • Bob Hoskins: Spoor
    • Michael Palin: Jack Lint
    • Jim Broadbent: Dr. Jaffe
    • Ian Richardson: Mr. Warrenn
    • Peter Vaughan: Mr. Helpmann
    • Ray Cooper: Techniker
    • Simon Jones: Verhaftungsbeamter
    • Terry Gilliam: Rauchender Mann bei den Shang-ri La Towers

 

 


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